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Mein erster Sohn kam fünf Wochen zu früh: Aarons Geburtsgeschichte

Mein erster Sohn Aaron kam fünf Wochen zu früh. Dies ist die Geschichte seiner Ankunft.

Aaron, geboren am 23. Januar 2016, Universitätsklinik Frankfurt

Eigentlich hatten wir eine Geburtshausgeburt geplant. Ab Woche 36 kann man im Geburtshaus gebären. Aaron hatte andere Pläne und die Fruchtblase ging bereits in der 35+2 auf.

Es war 2 Uhr morgens, wir waren gerade ins Bett gegangen, als ich plötzlich spürte dass alles nass war unter mir und auf dem Boden. Wir waren verunsichert und Mirco rief im Krankenhaus an, uns sollte ein Krankenwagen geschickt werden. Keine zwei Minuten später sahen wir Blaulicht und wunderten uns, es konnte nicht sein dass er schon da war. Irgendwo in der Straße war mitten in der Nacht ein Wasserrohr geplatzt, das Wasser lief die Straße hinunter. Wir schauten uns an und mussten einfach lachen. Zwei Wasserbrüche gleichzeitig. Das werden wir nie vergessen.

Bad Homburg, Frankfurt, und lernen sich selbst zu vertrauen
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Der Krankenwagen kam zwanzig Minuten später und brachte uns ins nächste Krankenhaus nach Bad Homburg, nur fünf Minuten von uns entfernt. Ultraschall, Untersuchung, Wehen schon da, aber noch nicht stark und regelmäßig genug. Die Ärztin sagte mir, wenn sich in einer bestimmten Anzahl von Stunden nichts getan hätte, würden sie einleiten, und dazu wollten sie mir vorsorglich Antibiotika geben. Ich wollte das nicht. Ich war bereits in der Geburt und konnte kaum noch klar denken. Eine Kinderärztin kam herein und redete auf mich ein, dass ich mir doch das Antibiotikum geben lassen solle, auf eine sehr übergriffige und angstmachende Art und Weise, die sich einfach falsch anfühlte. Mirco versuchte meine Wünsche zu verteidigen, aber ich war mitten in einer Welle, überfordert, und gab nach.

Eine Stunde später kam der Chefarzt, redete mit uns. Ein komplett anderer Mensch. Ruhig, empathisch, ehrlich auf eine Art, wie ich es in dem Moment so gebraucht hatte. Er erklärte mir, dass die Antibiotika eigentlich erst nach 24 Stunden nach Blasensprung indiziert wären, nicht vorher, und dass er in Kanada studiert und gearbeitet hatte, wo kontinuierliches CTG wegen der hohen Falsch-positiv-Rate gar nicht gemacht werde. Ich fühlte mich verstanden und gesehen. Allerdings empfahl er uns in die Uniklinik Frankfurt zu fahren, weil wir mit 35 Wochen eine Neonatologie vor Ort haben wollten, falls etwas wäre. Er glaube zwar, es werde nicht nötig sein, aber um sicher zu gehen legte er uns das sehr ans Herz. Ich war verunsichert, willigte aber ein. Ein zweiter Krankenwagen brachte uns nach Frankfurt. Das war die beste Entscheidung überhaupt.

Die Uniklinik war eine komplett andere Welt. Das Erste was man mir sagte: das Baby bleibt so lange drin wie möglich, wir leiten nicht vor dem errechneten Termin ein, solange sich das Fruchtwasser neu bildet und das Baby nicht in Not ist, bleibt es in der Gebärmutter. Antibiotika nur wenn sich die Entzündungswerte verändern. Einmal täglich Ultraschall, kein Dauer-CTG. Ich spürte wie sich mein ganzer Körper entspannte.

Zwei Tage im Krankenhaus und Maries Lachen
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Ich bekam ein Zimmer und fühlte mich wieder sicher und geborgen. Familie und Freunde kamen zu Besuch und brachten mir gutes Essen, damit ich das Krankenhausessen nicht essen musste. Nachts weckten mich die Wellen, aber sanft genug, dass ich dazwischen immer wieder einschlafen konnte. (Ich sage gerne Welle statt Wehe, denn das Wort Wehe kommt von Weh, also Schmerz. Eine Welle kommt und geht, und so fühlen sich Kontraktionen tatsächlich an, wenn man ihnen vertraut.) Ich ging zur Hebamme auf der Station zur Akupunktur, sie hatte bei Ärzte ohne Grenzen gearbeitet und war einfach wunderbar, wir waren sofort auf einer Wellenlänge.

Am Abend der 35+4 war meine Freundin Marie bei mir, und wir hatten den ganzen Nachmittag gelacht. Marie hat ein unheimlich ansteckendes Lachen. Ich glaube das Lachen hat die Geburt eingeleitet, denn die Wellen wurden stärker und regelmäßiger. Doch wir lachten einfach weiter. Meine Bettnachbarin beobachtete uns mit wachsender Sorge, bis sie schließlich sagte: “Vielleicht solltest du den Arzt rufen, deine Wehen sind ziemlich regelmäßig.” Das fanden wir auch noch lustig, aber sie hatte recht.

Der Arzt kam, schon vier Zentimeter geöffnet, Zeit in den Geburtssaal zu fahren. (Ich sage bewusst Geburtssaal statt Kreißsaal, denn Kreißsaal kommt vom Kreischen. Und ich glaube, wir können anders über diesen Raum denken.) Marie schob mit das Bett durch den Flur und fragte mich unterwegs: Darf ich bei der Geburt bleiben? Ja bitte, sagte ich. Bevor Mirco überhaupt ankam, schossen die Geburtshormone wie eine warme Welle durch meinen ganzen Körper, mein Kiefer wurde locker, meine Augen rollten leicht und ich dachte: oh wow, wenn das so bleibt wird es eine easy Geburt.

Im Geburtssaal
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Der Raum hatte eine Salzlampe und eine Badewanne. Marie goss warmes Wasser über meinen Bauch, massierte meinen Rücken, meine Füße, brachte Wasser und schmierte Brote. Mirco kam an und wir tanzten langsam zwischen den Wellen, ich probierte den Ball, die Wanne, den Vierfüßlerstand, laufen. Ich hörte Mantren und atmete und versuchte zu entspannen, fragte mich immer wieder wie lange noch, was soll ich jetzt tun. Es war meine erste Geburt und ich lernte noch, was mein Körper brauchte, war noch mehr im Kopf als im Körper.

Unsere Hebamme Henrike war wunderbar, wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge. Jedoch endete ihre Schicht und sie sagte mir, sie würde jetzt gehen, denn so wie es aussähe würde es noch länger dauern. Ich spürte, dass ich nicht wollte dass sie ging, jedoch kam auch schon die nächste Welle, die mir keinen Raum dafür ließ. Sie ging. In dem Moment als die Tür sich schloss, wurden die Wellen sofort stärker, mein Stöhnen, meine Geräusche lauter, die ganze Energie im Raum veränderte sich. Es vergingen einige Minuten, dann öffnete sich die Tür wieder und Henrike stand da, schaute mich an, und blieb. Sie zog ihren Kittel noch einmal an, tastete Aarons Kopf und sagte ihrer Kollegin: das mache ich jetzt.

Aaron
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Henrike hielt meine Hüften von hinten, Mirco saß neben mir und hielt meine Hand, ich hörte mich sagen ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, und sie sagten: doch, du schaffst das, er ist fast da, atme. Und dann war Aaron da.

Er lag ungefähr dreißig Minuten auf meinem Bauch. Dann stellten die Ärzte fest, dass sein Blutzucker zu niedrig war, alles ging sehr schnell, sie nahmen ihn mit um ihm eine Infusion zu geben. Mirco begleitete ihn. Marie war schon zu Hause. Auf einmal war ich allein. Ich wusste nicht genau was los war, der Raum war still, ich versuchte aufzustehen, doch brauchte Hilfe. Irgendwann rief ich laut: Hallo? Ist da jemand?

Eine Hebamme kam und brachte mich zurück auf mein Zimmer. Mirco ließ mich wissen, dass es Aaron gut ging, dass er im Wärmebettchen lag und er seine Hand hielt und Kontakt zu ihm hielt.

Es war schrecklich.

Ich konnte nicht schlafen. Um 6 Uhr morgens kam Mirco und sagte ich könne jetzt zu ihm. Ich ging durch den Korridor zu dem Wärmebettchen wo Aaron lag, setzte mich daneben und blieb.

Was diese Geburt mir gegeben hat
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Es war nicht die Geburt die ich geplant hatte. Ich landete in einem Krankenhaus statt im Geburtshaus, fünf Wochen früher als erwartet, mit der Feuerwehr vor dem Fenster und einem Krankenwagen mitten in der Nacht. Und trotzdem war es eine kraftvolle Geburt. Trotz Krankenhaus war es uns möglich, einen sicheren und geborgenen Raum zu schaffen. Die Menschen die anwesend waren, waren meine Herzensmenschen. Der Arzt kam zweimal. Alle anderen waren Menschen, die ich liebte und denen ich vertraute.

Ich erinnere mich an eine heilige Atmosphäre beim Hören der Mantren. Ich erinnere mich an Mircos Hände und Henrikes Ruhe und Maries Lachen. Es kommt nicht unbedingt auf den Ort an, wo wir gebären, sondern auf die Menschen um uns herum, die Sicherheit die wir in uns selbst fühlen, und das Vertrauen, dass alles gut ist wie es ist.

Aaron ist jetzt zehn. Klug, und mit einem sehr guten Sinn für Humor.

Julia trägt Baby Aaron draußen im Tragetuch


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